22.03.17

-575- Esther



Je schlechter sie sich fühlte, desto mehr klammerte sich Esther an ihre Klamotten. Sie hob ihre eigene Laune, indem sie ein zitronenschalenfarbenes Kleid anzog, eine blass gepunktete Strumpfhose und einen Choker, der ihr das Gefühl von Stabilität vermittelte. Sie wandelte auf erhöhten Absätzen mit bunten Schuhriemchen durch die Welt, kehrte ihr inneres Schwanken nach außen. Sie krallte sich an ihre himmelblaue Handtasche, die kaum größer als zwei Spannen ihrer Hände war und auf der wattige Wolken abgebildet waren. Sie hängte sich Miniaturlimetten ins Ohr und flocht ihr Haar. Sie baute auf sich selbst auf, auf dem, was sie kontrollieren konnte, und zeigte der Welt eine Esther, die alle Fäden in der Hand hielt — selbst wenn sie sich in Wahrheit fühlte, als würde sie auf einem Mammut das Reiten lernen. In ihrem Kleiderschrank konnte man nicht eine einzige Jeanshose finden. Nur Kleider über Kleider in den unterschiedlichsten Formen und Farben — doch das Gelb herrschte über sie alle. In den tiefsten Winkeln bewahrte Esther eidotterfarbene Röcke auf, gelb-rot gepunktete Strumpfhosen, sonnengeküsste Jäckchen. Wenn ihr Zimmer zu groß wurde, die Welt zu weit um sie zu fassen, setzte sie sich in ihren Schrank und rollte sich zusammen. Oder sie zog ein Kleid nach dem anderen an, legte sich mit ihnen auf das gemachte Bett und stellte sich vor, sie läge auf dem Totenbett. Mit einem schmalen Silberring an der Hand, Sonnenblumen-Ohrringen, geschnürten Lackschuhen und rapsfarbenen Kniestrümpfen. Sie fragte sich, ob sie glücklich wäre, wenn sie nicht mehr das Bedürfnis hätte, Luft in ihre Lungen zu pressen. Und danach weinte sie und lachte sich innerlich aus, bevor sie sich aus ihrem Zimmer schlich und sich unten im Musikzimmer ans Klavier setzte.

12.06.16

-574- Auf der Suche nach dem Meer

(Bild via Tumblr)

Ich bin auf der Suche nach dem Meer in mir. Vor langer Zeit hat es meinen Namen getragen. Als es noch hinter meinen Augen lag und in meinem Herzen Wellen schlug, aber mit den Wochen und Monaten ist der Weg dorthin beschwerlich geworden. Ich bin auf der Suche nach dem Meer in mir, in das ich mich verlaufen will. In mir das Auge, der Sturm und die See, aber ich liege wie auf dem Trockenen, kein Wort auf den Lippen, nichts als Sand auf meinen Lidern. Selbst wenn das Licht sich beugt und die Nacht ihre Arme ausbreitet, will ich nicht in diese Berührung sinken. Ich will die Vertrautheit des Meeres und ihr Geben will ich nehmen, will in den Strudel fallen und mich mir selbst zum Fraß vorwerfen. Ich bin auf der Suche nach dem Meer in mir, weil die Wüste in meinem Herzen deinen Namen trägt. Es dürstet mich, das Meer zu sehen. Entkommen. Ankommen. Ich bin auf der Suche nach dem Meer in mir, bevor sich das Meer auf die Suche nach mir machen kann.

17.05.16

-573- Ist "Fangirl" eine Beleidigung?

(Bild via Pinterest)


"Fangirl", "Superfan", "Gigantische Nervensäge", "übertriebene emotionale Darstellung unnachvollziehbarer Gemütsregungen" ... hach, es gibt so viele Begriffe, die mir in der letzten Zeit immer wieder über den Weg laufen. Früher hätte ich mich davon beeinflussen lassen und vermutlich mein "Fangirling" sein lassen, nur um andere nicht zu nerven, aber mittlerweile bin ich über den Punkt hinaus, an dem ich bereit dazu bin, mich selbst stummzumachen. Ja, ich bin ein Fangirl. Und nein, es ist keine Beleidigung. Ein Fangirl ist im Grunde nur jemand, der sich von etwas so sehr mitreißen lässt, dass er ständig darüber reden möchte, dass er es mit anderen teilen möchte. Jemand, der eben nicht einfach nur sagt "ich liebe es", sondern auch zeigt. Und damit, vor allem in sozialen Netzwerken, gewissen Leuten anscheinend auf die Nerven geht. Dass ich mich als "Superfangirl" angegriffen fühlen muss, bloß weil ich etwas, das ich mag, verteidige oder rezensiere oder in den sozialen Netzwerken teile ... ist wohl die Schattenseite des Ganzen. Wenn man es denn so sehen will. Ich für meinen Teil habe lange, lange Zeit mein Fangirling auf das stille Kämmerlein beschränkt. Wenn mir etwas wirklich gefallen hat, habe ich es vielleicht irgendwo mal erwähnt, aber ich habe niemanden damit überflutet, genau aus der Angst heraus, dass mir vorgeworfen werden würde, ich würde "übertreiben" oder "nerven", schlicht und einfach deshalb, weil ich Enthusiasmus gezeigt habe. Und weil ich will, dass meine Autorenkollegen_innen erfolgreich sind, selbst wenn ich da nicht mithalten kann (das eine hat mit dem anderen, wie ich festgestellt habe, überhaupt nichts zu tun), dass meine Lieblingsseriensucht von Freunden akzeptiert wird, selbst wenn sie die Serie doof finden, dass mehr geliebt und enthusiastisch gehacht wird. Ich will nicht dieser zynische Hipster sein, der Dinge nur ironisch mag, obwohl ich Ironie und Sarkasmus ebenso gerne benutze wie alle anderen auch.
Versteht mich nicht falsch, ich mag auch einige Dinge nicht und früher habe ich mich auch leicht von anderen genervt gefühlt, wenn sie zu viel gefangirlt haben. Aber war das fair? Ist das fair? Und muss man immer jeglichen Enthusiasmus mit Füßen treten, nur weil man selbst nicht da rankommt, nur weil man es vielleicht nicht nachvollziehen kann oder weil man irgendwie herausstechen will, im Sinne von "Alle mögen Game Of Thrones, nur ich nicht, und deshalb werde ich anderen den Spaß an der Sache nehmen und es gucken und die ganze Zeit kritisieren"? Für den Witz der Sache ... klar, ich bin auch nicht humorlos. Aber es hat Grenzen. Mich als Superfan zu bezeichnen, ist keine Beleidigung. Es ist mir schlicht weg egal. Mein Enthusiasmus wird bleiben und ich habe keine Lust mehr, immer alles und jeden zu hassen, der etwas mag, das ich nicht mag, oder etwas nicht mag, was ich mag. Mir egal, denn mein Gefangirle gehört mir. (Und ja, wir sollten mehr gönnen, mehr lieben, unabdinglich unterstützen, denn letzten Endes verpesten wir uns nur selbst, wenn wir immer alles anfeinden.)

10.05.16

-572- Sagt Hallo zu: Luna [#SieSagen-Leseprobe]


»Schmeckt’s?«
Luna sah auf. Es klingelte das erste Mal, die Schüler strömten, in ihre Grüppchen verteilt, vom Schulhof in das Gebäude, um beim zweiten Klingeln in den Unterrichtsräumen zu sitzen. Luna war eine der Wenigen, die sich nicht rührte. Die Wand in ihrem Rücken schützte sie nicht vor den Blicken, hielt sie jedoch aufrecht, während ihr die Zigarette zwischen den Fingern ein Alibi lieferte, um sich noch nicht unter die Schülermassen begeben zu müssen.
»Ganz fantastisch, danke der Nachfrage«, antwortete sie trocken und betrachtete den Typen, der vor ihr stand. Fettige, dunkle Haare waren das Erste, was ihr ins Auge fiel. Dann die kantige Gesichtsform, die hohen Wangenknochen. Ein aristokratisches Kinn und schmale Lippen, die schief verzogen waren. »Was willst du?« Er machte keinerlei Anstalten, sich wegzubewegen, sondern stand einfach nur mit neugierigen Augen vor ihr. Eigentlich ganz gut, denn so schirmte er sie von den Blicken der anderen ab. Nicht dass sie die Gaffer nicht schon gewöhnt wäre, aber an ihrem ersten Tag zurück in der Schule gleich beim Rauchen erwischt zu werden, wäre vermutlich nicht so schlau.
»Du bist doch Luna.« Es war nicht einmal eine Frage, eher eine halbe Feststellung. Luna regte sich nicht, blinzelte nur zu ihm auf. Sonnenstrahlen leckten über seine Schultern und ließen ihre Augen, sobald er sich auch nur einen Millimeter bewegte, tränen. »Gehst du jetzt hier zur Schule?«, fragte er weiter. Ihre Stille schien ihn nicht im Geringsten nervös zu machen, stattdessen schob er entspannt seine Hände in seine Jackentaschen und betrachtete die türkisen Strähnen, die sich fast bis zu Lunas Schultern kräuselten.
»Nein, ich stehe einfach gerne hier rum und glotze Schüler an. Da geht mir einer bei ab.«
»O-okay«, er lächelte leicht. »Ich hab mich nur gewundert. Aber gut. Dann … einen schönen ersten Tag.« Der Junge machte Anstalten, sich fortzubewegen, aber Luna hielt ihn mit der rechten Hand, die zu seinem Kragen schnellte, davon ab.
»Warte noch ‘ne Sekunde«, meinte sie und deutete mit einem Nicken zu Herrn Groß. Der Mathelehrer schlenderte unweit von ihnen zu einer Schülergruppe, die noch nicht dem Klingeln gefolgt waren und schwer beschäftigt mit dem Austauschen karierter, dicht beschriebener Seiten waren. Vermutlich handelte es sich dabei um ihre Hausaufgaben. Luna nutzte den Dunkelhaarigen mit den funkelnden Augen als Schutzschild, um ein letztes Mal an ihrer Zigarette zu ziehen, den Stummel auf den Boden zu werfen und die übrige Glut mit ihrer Schuhspitze zu ersticken. »So, jetzt.«
Die Augen des anderen blitzten auf.
»Wieder eine Schandtat begangen, ohne erwischt worden zu sein, was?«, meinte er.
»Halt die Klappe.« Sie drückte ihn beiseite, wobei sie geflissentlich seine Schulter rammte, schwang sich ihre Schultasche auf den Rücken und eilte in Richtung Schultür.

// Ausschnitt aus: "Sie sagen, Van Gogh hat gelbe Farbe gefressen" (c) Julia Mayer / www.oldsouls.de

08.05.16

-571- Ein Coming-In, das das Herz versöhnt [Rezension zu "Im Abseits der Lichter"]

Titel: Im Abseits der Lichter
Autorin: Lina Kaiser
Genre: Lesbischer Liebesroman (Coming-In-Roman)
Buchreihe: Erster von zwei Bänden

Inhalt:
"Im Abseits der Lichter" ist der erste Band einer Coming-In und Coming-Out-Buchreihe von der jungen Autorin Lina Kaiser. Im Laufe des Buches kommt vor allem Katinka zu Wort - eine junge Fußballspielerin, die mit einem Gerücht konfrontiert wird, das ihr absolut nicht behagt: Sie soll lesbisch sein. Sie? Warum gerade sie? Für sie kommt das überhaupt nicht infrage, und um zu beweisen, dass an diesen Gerüchten nichts dran ist, stürzt sie sich in eine Beziehung mit Julius Weidering. Nicht ahnend, dass es doch seine Schwester ist, die viel interessanter ist ...

Meine Meinung:
Ich hatte die tolle Möglichkeit, Lina Kaiser im Laufe des Queer-Gelesen-Festivals kennenzulernen und einen ersten Eindruck vom Buch bei ihrer Lesung zu erhalten. Aber selbst ohne diesen wundervollen, persönlichen Eindruck, glänzt dieses Buch in vielerlei Aspekten. Zum Ersten ist es eines der wenigen lesbischen Bücher, das sich wirklich mit der Coming-In-Problematik auseinandersetzt. Es ist eben nun mal nicht gegeben, dass jeder damit klar kommt, lesbisch zu sein. Vor allem, wenn diese Person unbeabsichtigt von anderen geoutet wird. Auf feinste Art und Weise hat die Autorin dieses Thema genommen und umgesetzt, sorgfältig in eine Geschichte gewebt, die einen ganz und gar für sich einnimmt. Der psychologische Aspekt spielt in der Geschichte eine große Rolle: Katinka ist nämlich einfach nicht bereit dazu, lesbisch zu sein. Sie will nicht als Aussätzige behandelt werden, wie es nach ihrem Empfinden als homosexuelle Frau sein muss. Sie hat damit mehr Probleme als die meisten anderen.
Ich persönlich kann mich damit auch gut identifizieren - Selbstakzeptanz kommt nicht von irgendwoher und die kleinsten Sprüche oder Einflüsse von außen, die auch nur einen Hauch negativ sind, können einen bis ins hohe Alter verfolgen und die Meinung von einem selbst, aber auch von anderen, massiv beeinflussen. Ich finde es schön, wie die Autorin das Thema verpackt hat. Die Charaktere sind schön mit Worten gezeichnet, auch wenn man sie nicht alle jederzeit mag. Katinka zum Beispiel ist nicht die einfachste Protagonistin, aber ich habe sie immer einwandfrei nachvollziehen können. Debora, das Mädchen, das die ganze Handlung erst anstößt, hat hingegen meiner Meinung nach ein massives Problem, denn andere zu outen ist einfach nicht akzeptabel. Aber in der Hinsicht haben sich die wenigsten Charaktere mit Ruhm bekleckert.

Besonders gefallen hat mir am Roman, dass ich mit Katinka mitgefiebert habe und mir bis zum Ende sehnlichst gewünscht habe, dass sie sich endlich akzeptiert und dass nicht mehr so viele Missverständnisse zwischen ihr und ihren Gegenspielern passieren. Mit dem Ende hingegen hatte ich ein wenig meine Schwierigkeiten, da es mir ein bisschen zu "Hollywood"-mäßig vor kam. Aber ich denke, dass das einfach nur Geschmackssache ist.

Fazit:
Ein wundervoller, lesbischer Liebesroman, der sich schnell liest und Eindruck hinterlässt. Ich vergebe deshalb 4.5 Sterne.

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Die Autorin:

Lina Kaiser wurde 1990 im Ruhrpott geboren. Schon im Kindergartenalter bastelte sie kleine Bücher über die Geschichten, die sie faszinierten – von Helden und Liebe und garantierten Happy-Endings. Als Kind des Ruhrgebiets, diesem Ballungsraum geliebter Traditionsvereine, entwickelte sie bald eine Vorliebe für Fußball – leider erwies sie sich im Spiel als talentfrei. Eine weitere große Leidenschaft entbrannte für das Theater und Musical; doch auch hier folgte die Erkenntnis, dass sie für die Bühne nicht geschaffen war. Stets suchte sie also nach anderen Mitteln und Wegen, ihre von Disneyfilmen verblendeten Träume auszuleben. Sie zeichnete Comics und füllte unzählige Tagebücher voller Pathos und Weltschmerz über ihre Teenager-Jahre an einer Mädchenschule. Eines Tages fiel ihr ein, dass sie auch über anderes schreiben könnte, als über sich selbst.

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