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-129- Es zieht mich von Nord nach Süd

Ein Diadem, vollgezählt mit Wünschen. Die Wege fallen vor meine Füße, aus Schwaden der Unsicherheit. Rauch an meinen Zehenspitzen und Glut unter meiner Sohle.
Es zog mich von Nord nach Süd. Von deinen Armen in die kalten Nächte. Alles begann damit, dass ich von dir verlassen wurde. Drei Tage Sekt mit Himbeeren. Drei Nächte purer Schnaps. Und irgendwann ließ ich kaltes Wasser auf meine Schultern prasseln, strich Schweiß aus meinen Achseln und sagte mir, dass ich nie wieder glücklich sein würde. Alle sollten nun sehen, wie sehr ich litt, obwohl ich konstant log, wenn ich nach meinem Befinden gefragt wurde.
Ich wusste nicht, wohin mit meinen Gedanken, ertränkte alles Aufkeimende in lauter Musik; ohne Emotionen. Schließlich ein Umbruch, ein Fortschritt, ein Seufzen in die richtigen Gefilde. "Ein Therapeut", sagte meine Mutter. "Ach, du brauchst niemanden. Du bist eine starke, unabhängige Frau", sagte meine beste Freundin, "und für die kleinen, schlechten Momente hast du immer noch mich."
Ja, dachte ich. Meine beste Freundin war nur über Email zu erreichen, verbrachte ihr Leben in Amerika und hatte einen Internet-Milliardären geheiratet. Ich dachte, sie wäre bestimmt glücklicher, als ich, also hatte sie auch leicht reden. Ich hingegen wurde verlassen. Ich wusste nicht mehr weiter, während sie so weit weg wirklich gut Peptalks schwingen konnte.
Eine Selbsthilfegruppe, sagte ich mir. Ich wollte nicht allein mit einem Therapeuten sein. Ich brauchte Menschen, auch wenn ich ein Problem mit meinem Selbstbewusstsein hatte. Obwohl ich nicht einmal vor meinem Chef eine Präsentation halten konnte, ohne in Stottern und unabdingbares Erröten zu verfallen. Eine Selbsthilfegruppe. Mit Google war die Suche einfach - ich fand eine Gruppe, rief bei der Beratungsstelle an und erfuhr Ort, Wochentag und Zeit von ihm. Doch schon nachdem ich den roten Hörer gedrückt hatte, wusste ich, dass es ein Fehler gewesen war. Dass es ein Fehler wäre, dort hin zu gehen.
Ich hatte Angst.
Konstante Panik überschwemmte meine Venen und brachte mir Gliederzittern ein. Sie werden dich zerfetzen, dachte ich. Sie werden einen Blick auf dich werfen und hinter vorgehaltener Hand lachen; mit strahlend weißen Zähnen, mit Hohn in den Augenwinkeln. Und ich würde dort sitzen, ein Häufchen Elend, einsam und ... traurig. Ich hatte Angst.
Und doch ging ich am Dienstag zum besagten Ort. Hatte mir zur Beruhigung einen Schnaps gegönnt und die Hälfte meines Zigarettenvorrates aufgeraucht. Ich war nervös und konnte es nicht verbergen. Andauernd stellte ich mir vor, in einen Stuhlkreis zu treten, in einem abgedunkelten Raum, und mich vorzustellen. Und sie würden mir im Sprechchor antworten, so wie bei den Anonymen Alkoholikern in den Filmen, die jeder kannte. Und dann war es doch ganz anders.
Sie saßen auf einer Couch, zwei Sessel, mehrere Stühle ... und vor ihnen auf dem Tisch stand Kaffee - und Kekse lagen auf albernen, bunten Plastiktellern. Auf einer zerknitterten Alufolie stapelten sich mehrere Stücke zermatschten Bienenstiches. Ich hängte meine Jacke auf und zupfte die Kopfhörer aus meinen Ohren; ich glaubte, dass alle mich anstarrten. Eine Selbsthilfegruppe für Depressive, für die Schwachen. Und ich kam mir noch viel schwächer vor, als die anderen.
"Hi", murmelte ich und schielte von einem Stuhl zur Couch und wieder zum Stuhl. Viele Plätze waren noch frei, zwei Frauen rutschten auf der Couch auf und machten mir Platz, doch ... ich griff lieber nach dem Holzstuhl und mied ihre Blicke. Ein vollbärtiger Mann nahm den Platz ein und fragte mich, woher ich kommen würde, wer ich war und ob ich etwas mehr von mir erzählen könnte. Keine Sprechchöre. Nur Kaffee, Kekse und Bienenstich. Der Schnaps lag noch auf meiner Zunge.
"Ich bin Rahel", murmelte ich und zog die Ärmel meines Pullis über die Fingerspitzen; meine Nägel juckten. "Ich komm nicht von hier. Und ... ich hab Probleme." Alles ist gesagt, vielleicht. Wenn du jetzt weinst, sagte ich zu mir ... wenn du jetzt weinst ...

About Julia Mayer

Julia Mayer
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2 SEKTSCHALE(N) MIT HIMBEEREN:

  1. Wenn ich das so durchlese, ist nicht Irland "wow", sondern du bist es

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  2. Wow, wie kriegst du sowas bloß hin? Ich hab für einen Moment wirklich gedacht, ich wäre diese Person. Wow.
    Und irgendwie erinnert mich der Text auch ein bisschen an den Roman "Mängelexemplar" von Sarah Kuttner. Kennst du den?
    Danke übrigens für den Kommentar. Ich mag den Herbst eigentlich auch ganz gern, aber den Sommer eben auch <3 Das Licht im Sommer ist einfach so wunderschön.

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