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-143- Es zieht mich von Nord nach Süd (Fortsetzung II)

Und als das Treffen vorbei war, ich mein Schweigen wieder aufnahm und nicht wirklich wusste, was ich von all dem halten sollte, hatte ich kurz das Bedürfnis, dich anzurufen. Als hätte sich nichts geändert, als würdest du noch immer mit schläfriger Stimme an dein Telefon gehen und mich von misslungenen Feierlichkeiten abholen und mit mir ins Bett gehen. Als wäre das mit uns nicht vorbei.
Stattdessen überging ich deinen Namen im Kurzspeicher meines Handy's und wählte H.'s Nummer. Fragte ihn, ob er mich abholen würde, dass ich nicht mehr weiter wusste. Und er stieg ins Auto und holte mich ab, während sich der Abend am Horizont ankündigte.
"Hey", murmelte ich zur Begrüßung und ließ mich auf den von der Sonne angewärmten Beifahrersitz sinken.
"Hey. Geht's?"
"Klar", log ich leichtfertig und zuckte mit den Schultern. Dachte an deine Augen, dachte daran, dass ich nur von dir sprechen wollte. Und doch hielt ich den Mund; verbat mir selbst, dich zum Thema eines Gespräches zu machen. Sollte dieser Besuch bei der Selbsthilfegruppe doch der Letzte gewesen sein.
"Was hast 'n du hier gemacht?", fragte H. und sein Blick schwankte zu mir; Himmel, wirkten seine Augen glasig.
"Hast du gekifft?", wechselte ich das Thema und fing sein Grinsen auf. "Ist noch was da?" Er nickte gen Handschuhfach und ich wühlte mich durch Unterlagen, Taschentücher und alte Süßigkeitenpapiere, bis ich das durchsichtige Tütchen mit dem gelb-grünen Inhalt fand. "Mmmmh ... Lass uns mal irgendwo halten", schlug ich vor und er nickte ohne zu zögern. Sagen tat er nichts, doch das war ich gewohnt, er war eher der schweigsame gute Freund, der sich zu mir gesellte und der mich - so dachte ich jedenfalls - irgendwie verstand. Er war kein Freund zum Reden, sondern einer zum Schweigen, und somit um einiges wertvoller, als der Rest meines erbärmlich abwesenden Freundeskreises.

Eine abgelegene Landstraße knirschte unter den Rädern; wir hielten und kurbelten die Fenster herunter. Mit ungeschickt erwartungsfroh zitternden Fingern bereitete ich die Tüte vor; Tabak krümelte auf den Autoboden, ich kokelte die Spitze des Joints ab, blies die Glut fort und wir schlossen die Fenster, um uns vom unverkennbaren Geruch einlullen zu lassen. Ein, zwei, drei Züge und es stieg mir zu Kopf. Wärme brütete in meinen Schläfen und ich lehnte mich im Sitz zurück, den Blick aus dem schummrigen Fenster an den Himmel geworfen; es war prall warmes Wetter heute, und ich kam mir vor, als hätte ich versucht, die Welt zu retten, und versagt.
"Ich hab gelogen", seufzte ich und reichte den Joint an H. weiter. "Es geht nicht."
"Mhmh?" Er zog an der Tüte und hustete leicht, so wie immer. Seine Augenränder blass rot und der Blick vollkommen verstört.
"Es geht mir scheiße."
"Weißt du was?", murmelte er und das Rauchwerk wanderte zurück in meine Hand. "Das sieht man."

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Julia Mayer
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1 SEKTSCHALE(N) MIT HIMBEEREN:

  1. Es ist beeindruckend, wie sanft du über dieses knallharte Thema schreibst.
    Jedenfalls ist das wieder ein wunderbar geschriebener Teil gewesen. Die Verzweiflung ist spürbar und du hast es geschafft in wenige Worte unglaublich Gefühl zu legen. Gerade der letzte Dialog hat mich total berührt, weil sowas in meinen Augen wirklich eine wahre Freundschaft ist. Und mit jemandem (wem auch immer) über seinen Schmerz zu reden ist ja doch immer die beste Therapie.

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