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-339- Im Realismus


Im Realismus - wenn der Rausch mit seinen verblassten Fingern von uns lässt - ist das Leben wie ein alter Pullover. Vielleicht in altrosa oder unangenehm-braun mit türkisen Karos darauf. Die Farbe ist egal, die Art zählt. Ein Pullover kann kratzen oder sich anschmiegen, er kann richtig sitzen oder schief sitzen, er kann an den Ärmeln zu eng oder zu weit sein, vielleicht hat er einen Kragen, der dir unangenehm die Kehle zuschnürt, oder er kann die jedes Mal die Schultern hinab rutschen ... die wenigstens Pullover sitzen perfekt. Wir gleichen hier und dort Makel aus. Die Farbe peppen wir durch Schmuck auf, wenn er zu kurz ist, ziehen wir ein Top oder ein Shirt darunter, rutscht er, ziehen wir ihn immer wieder in die richtige Position. So ist es mit dem Leben auch, nur, dass wir selten wissen, wo wir zuerst mit dem Verändern anfangen sollen. Was, wenn dein Tag dir verloren geht, wenn du die Zeit irgendwann nicht mehr einschätzen kannst, bis in den frühen Mittag hinein schläfst und vor 3 Uhr morgens kein Auge gen Schlaf zwingen kannst? Welche Masche des Lebens, das du dir gestrickt hast, nimmst du dann neu auf und zupfst in die richtige Richtung? Die Leute sagen, alles würde im Kopf beginnen, doch bei mir ist nichts Kopfsache. Bei manchen Entscheidungen krümmen sich meine Eingeweide zusammen und meine Rippen entlocken mir ein unwilliges Murren, das dem einer gequälten Eidechse gleicht. Fast tonlos. Ich atme hier, ich bin und sehe und sehne und verzehre mich nach etwas, das ich nicht zu mir zwingen kann. Das Leben hat seinen eigenen Rhythmus und es schlägt mich meist aus dem Takt, denn mein Schritt ist plumper und weniger unvorhersehbar. Manchmal fühle ich mich wie der unrythmische Trommler in einem Amphietheater. Jeder falsche Schlag ist überall zu hören, zieht deutliche Echos mit sich und pflanzt sich in das Gedächtnis meiner Mitmenschen. Manchmal will ich den Pullover von meinem Körper reißen und fort stoßen, ins Nichts werfen. Weil alles besser ist, als sich von etwas so Offensichtlichem kontrollieren zu lassen.

About Julia Mayer

Julia Mayer
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2 SEKTSCHALE(N) MIT HIMBEEREN:

  1. Beinah befürchte ich schon, dass es zu aufgetragen rüberkommt, wenn ich immer und immer wieder betone, wie wundervoll du mit Worten umgehen kannst. Aber ich meine das so. Ich wünschte, ich hätte dieses unglaubliche Schreibtalent, aber ich kann lediglich mein ödes und doch so verhasstes Leben beschreiben.

    Ich kann es wirklich nicht leiden Bücher mehrmals zu lesen; ich finde es langweilig Filme mehrmals anzuschauen. Deinen Text habe ich jedoch mehrere Male durchgelesen, weil er mir so gefällt. Dein ganzer Blog gefällt mir wahnsinnig gut. Ich weiß nicht, ob du es wusstest, und ich weiß auch nicht, ob ich es wusste oder ob es mir bis jetzt nur unterbewusst klar war, aber deinen Blog mag ich am allermeisten. Und ich hoffe inständig, dass das, was ich grad von mir gegeben habe, irgendetwas in die Richtung von Seelenzucker war und nicht wie nur dahergelaberte Worte rüberkam, die nur zum Einschleimen dienen. Das wollte ich nämlich wirklich nicht. Nur schätzen, dass du diesen Text mit uns geteilt hast. Merci.

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    1. Liebe, liebe Lena.
      Natürlich ist das Seelenzucker und das geht wie Honig runter! Danke, danke, danke, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, so sehr freu ich mich. Nein, ich wusste nicht, dass dir mein Blog so gut gefällt - und es erstaunt mich und ... ja, ich fühle mich einfach richtig geehrt :)
      Danke für deine wunderbaren Worte!

      Ich hoffe, du hast einen schönen Tag :')
      Liebe Grüße

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