16.09.12

-375- "Du siehst ja so traurig aus?"


Niemand beschließt einfach so, depressiv zu sein oder es in Kürze zu werden. Eines morgens wacht man einfach auf und kann doch die Lider nicht mehr heben, so als hätte sie jemand mit Kleber aus einer Heißklebepistole an der transparenten, rauen Haut festgeklebt. Plötzlich sind die Lider so schwer und obwohl man hellwach ist, bleibt man den ganzen Tag wie gelähmt im Bett liegen. Eine Depression hat nichts mit Faulheit zu tun. Meist arbeitet der Kopf konstant und ruhelos an einem oder mehreren Problemen - saugt jeglichen Elan auf und lässt nichts als das unabdingbare Gefühl der Ohnmacht und die quälende Gewissheit der Erschöpfung zurück.
Eine Depression hat immer Gründe, doch nur selten sind wir uns derer vollkommen bewusst. Für alles haben die Menschen Lösungen gefunden, nennen es Trägheit und sagen, dass es doch "allen so geht" - und "jeder hat sein Päckchen zu tragen" - "du musst trotzdem glücklich sein". Doch was, wenn es nicht geht, obwohl man es will und sich nicht einmal selbst mehr belügen kann und wenn es keine do-it-youself-now Lösung gibt? Was hilft einem dann die "bis auf weiteres"-Krankschreibung - was helfen die gutgemeinten Worte?
Man selbst hasst sich am meisten und das hat wenig mit der Umwelt zu tun. Eine Depression ist nicht egoistisch, sondern höchst menschlich und mittlerweile wohl schon normal, obwohl sie das nicht sein sollte. Niemand sollte sich normal-taub oder normal-unglücklich fühlen, denn dies sind keine sogenannten "Normalzustände". Warum es nicht einfach sagen? Mir geht es nicht "gut", ich will nicht reden und schon gar nicht will ich deine Oberflächlichen Fragen beantworten und mich vor jemandem rechtfertigen, mit dem ich sowieso nichts zu tun habe. Mir mag es ja schon zu viel sein, meinem inneren Gericht einen Freispruch aus dem Kreuz zu leiern, wie soll ich dann deine Blicke verarbeiten, wie soll ich normal mit dir reden, wenn doch normal etwas ist, das ich schon lang fehl-definiere?
Selten so etwas Wahres über Depressionen gelesen wie hier, so wahr, dass es zum Weinen anrührt, betrübt und gleichzeitig die Selbstironie herausfordert. Ich kann noch all die Wochen vor mir sehen, in denen ich kein Sonnenlicht an mich gelassen und keiner Menschenseele ins Gesicht geblickt habe. Wochen, in denen meine Angst vor draußen noch größer war als die Angst davor, vollkommen allein zu sein.

Kommentare:

  1. depressionen saugen nicht nur elan, sondern alles postivie, was je da war, bis auf erinnerungen.

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  2. dein text ist so nachvollziehbar und für mich selbst so wahr geschrieben dass er mir nicht gut tut. das mag was heißen.

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    1. Das tut mir leid, ich will nicht gern triggern. Expressionismus ist jedoch wichtig.

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