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-406- In Freundschaft, Lotte



Liebe Gyta,

ich kann es noch gar nicht glauben, dass ich dich heute Morgen für längere Zeit das letzte Mal gesehen habe. Ich will es nicht das letzte Mal nennen, das klingt so bitter, so endgültig – und unser Wiedersehen wird kommen. Ich mag dich nicht missen, das ist mir ganz deutlich klar geworden, als du dich heute Morgen angezogen hast, nur um mich nach unten zu bringen. Im bläulichen Licht des Morgens sahst du wie eine fremdartige Elfe mit müden Augen aus und ich habe das Gefühl gehabt, zu platzen, weil ich dich schon in diesem Augenblick so vermisst habe.
Erinnerst du dich noch an deinen ersten Tag im Haus Wrodinger? Meine Ankunft ist nun schon zwei Jahre her und trotzdem erinnere ich mich noch daran, als wäre ich erst gestern aus dem Auto meiner Eltern gestiegen und hätte zum ersten Mal den riesigen Gebäudekomplex erblickt. Du weißt, diese riesige, verzierte Fassade ist das Erste, was man sieht. Wenn man solch einen Anblick nicht gewohnt ist, verschlägt es einem den Atem.
Meine Eltern sind einfache Menschen und ich bin als ihr einziges Kind aufgewachsen. Sie haben mir alles gegeben und trotzdem habe ich noch nie solch einen schönen Ort gesehen. Niemand in meinem Viertel hat solch einen guten Job bekommen. Die meisten wurden in Backbetriebe geschickt, viele haben geheiratet und schon ihr erstes Kind erwartet oder sind in Krankenhäusern und Büros übernommen worden.
Meine Eltern konnten es ebenso wenig fassen wie ich, dass mich solch ein wohlhabendes Etablissement bei sich aufnehmen wollte. Ich dachte immer, ich würde mal in einer Fabrik stehen, so wie meine Mutter. Oder im Lieferservice arbeiten, so wie mein Vater. Mein einziges Ziel ist es immer gewesen, glücklich zu sein. Erst wollte ich es werden, dann bleiben. Vielleicht ist es auch die Suche nach etwas besserem, die einen schlechten Zustand provoziert?
Vielleicht bin ich so traurig, weil ich immer nach dem Glück gesucht habe, anstatt das Glück im Jetzt zu finden?
Ich bin noch nicht einmal eine halbe Stunde mit dem Zug unterwegs und fühle mich schon anders. So als würde sich ein Teil von mir lösen. Es ist entgegen aller Erwartungen aber kein gutes Gefühl.
Dies wird die längste Zugreise, die ich jemals gemacht habe. Klar war ich schon mit meinen Eltern im Urlaub an weiter entfernten Orten, aber eine Autofahrt ist mit einer Zugfahrt nicht zu vergleichen. Man hat einerseits mehr Platz, andererseits muss man diesen mit Fremden teilen. Wenn man keinen Proviant hat, so wie ich, kann man sich im Servicewaggon etwas kaufen. Dort ist es zwar ziemlich teuer, aber mein Bargeld werde ich wohl vorerst in der Klinik nicht gebrauchen können.
Ich frage mich, ob alle Menschen auf mich reagieren so wie du, als du mich das erste Mal getroffen hast. Du warst ziemlich aufgedreht – und mir ist erst viel später klar geworden, dass du nur am Anfang so hysterisch bist und eigentlich eher zu den stillen Gewässern zählst – und du hast mich nie ausreden lassen. Trotzdem warst du das erste Mädchen, mit dem ich mich sofort unterhalten konnte.
Vorher habe ich mit Melanie in einem Zimmer gewohnt und war sehr froh, als sie nach ihrem Techtelmechtel mit dem Schwimmcoach herausgeschmissen worden ist. Erinnerst du dich noch an sie? Es ging kein Tag vorüber, an dem ich mich nicht mit ihr gestritten hätte, weil sie davon besessen gewesen ist, mir die Unpünktlichkeit auszutreiben. Sie meinte, ich würde morgens zu spät aufstehen, weil ich abends noch Bücher lese. Aber wann soll ich denn Bücher lesen, wenn nicht abends? Außerdem hat sie nie meine Meinung akzeptiert und mich immer in Diskussionen verwickeln wollen, die damit endeten, dass sie mir Dummheit vorwarf und das Gespräch nicht weiterführen wollte. Meist habe ich einfach irgendwann aufgegeben und ihr Recht zugesprochen, damit sie endlich still ist.
Du bist nicht nur im Gegensatz zu ihr eine große Verbesserung, sondern auch in Hinsicht auf alle anderen Menschen in meinem Leben wie ein Lichtblick.
Gyta, das wird sich nie ändern, vergiss das nicht! Ich kann sogar etwas Gutes im Großen Ganzen entdecken: endlich komme ich wieder zum Schreiben von echten Briefen.
Du kennst ja die Postkarten, die ich sonst immer verschicke und auf die nie das passt, was ich wirklich sagen möchte. Postkarten sind wie Fenster zu einem größeren Schatz, die man nicht öffnen kann. Ich wünschte, sie hätten eine integrierte langer-Brief Funktion. Dann wären sie handlich und gleichzeitig voll mit Liebe, die man erst entdeckt, wenn man sich näher damit beschäftigt.
Ich schreibe dir aus einem Schnellzug Richtung Berlin, der mich zur Gesundheit führen soll und fühle mich, als würden die Farben langsam in mein Leben zurückkehren. Es ist schön, dem Morgen dabei zuzusehen, wie er sich langsam entfaltet und wie die Landschaft an einem vorbeirauscht, während die restlichen Passagiere in den tiefblauen Sitzen liegen und schlafen. Manche haben ein Nackenkissen, es sieht aber trotzdem nicht gemütlich aus. Dafür macht der Morgen solch schönes Licht, da möchte man am liebsten auch selbst aufgehen.
Ich habe auch ein wenig geweint, was ich für gut halte. Gestern war ich so benommen und um Kontrolle bemüht … und heute Morgen hat mir die Müdigkeit noch wie eine Maske auf dem Gesicht gelegen. Es sind nicht nur traurige Tränen, es sind furchtsame, erinnerungsverliebte, verabschiedende Tränen. Und sie sagen auch Willkommen und Hier-bin-ich wenn man genau hinhört.
Ich fürchte mich vor der Klinik, vor der Diagnose, der Behandlung und vor allem aber vor den Menschen. Immer öfter habe ich das Gefühl, dass alle durch mich hindurch sehen. Und ich fühle mich als würde ich beim kleinsten Windstoß einknicken. Ich weiß nicht, was die anderen Patienten von mir denken werden und wie man mich behandeln wird. Das ist etwas, was ich nicht beeinflussen und kontrollieren kann. Niemand lässt sich dazu zwingen, mich zu mögen.
Noch schlimmer als keine Gleichgesinnten zu finden, mit denen ich auskomme, wäre allerdings, keine Heilung zu erfahren. Die Tiefenentzündung fühlt sich mittlerweile wie ein grauer Fleck in meinem Geist an. Dem Ding, das unsere Körper bewohnt und unser Denken lenkt. Vielleicht fühle ich es jetzt aber auch nur so deutlich, weil ich von der Existenz der Krankheit weiß.
Irgendetwas stimmt mit mir nicht und das beichte ich dir mit der Bitte, dir trotzdem keine Sorgen zu machen. Nichts liegt mir mehr fern als dich zu betrüben! Vielleicht sollte ich schlafen und einfach versuchen, nicht mehr über all das nachzudenken. Jetzt kann ich sowieso nichts mehr ändern. Ich bin auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt und ich möchte dich gern mit mir nehmen. In Worten ist dies zumindest teilweise möglich.
Erzähl mir alles, was bei euch vorgeht. Erzähl mir jedes kleinste Detail und ich werde dir antworten, sobald ich im Krankenhaus bin. Hoffentlich erreicht dich dieser Brief zeitnah.

In Freundschaft,
Lotte

(c) Julia Mayer, Projekt ohne Namen (noch)
P.S.: Dies ist eine kleine Leseprobe meines aktuellen Projektes. Es ist ein Einteiler, leicht futuristisch, eine Liebesgeschichte. Noch hat es keinen vernünftigen Titel, ich hoffe aber, dass mir beizeiten ein Licht aufgeht. Danke für alle eure lieben Kommentare. Heute möchte ich euch außerdem den Blog von Mischa ans Herz legen. Sie rezensiert Indie-Autoren und berichtet auf ihrem Blog Meer Und Sturm auch aus ihrem Leben.

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Julia Mayer
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3 SEKTSCHALE(N) MIT HIMBEEREN:

  1. Wow. Ich liebe deine Wortwahl. du hast echt ein talent!

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  2. Habe die Leseprobe schon vor Tagen gelesen, nur nicht kommentiert *schäm* Ich dachte noch, da ist sicher auch ein Stück von dir mit drin - andererseits steckt ja jeder Autor ein Stück von sich in seine Werke... Tolles Innenleben-Porträit.

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  3. Habe die Leseprobe schon vor Tagen gelesen, nur nicht kommentiert *schäm* Ich dachte noch, da ist sicher auch ein Stück von dir mit drin - andererseits steckt ja jeder Autor ein Stück von sich in seine Werke... Tolles Innenleben-Porträit.

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