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-427- Trink von mir und sei befreit


Es war einmal vor langer Zeit, da lebte ein Mädchen mit ihrer Schwester in einer Stadt, die von Flüssen eingeschlossen war. Niemand kam aus der Stadt hinaus, denn es gab keine Brücken, über die man hätte gehen können. Doch dies störte die Bürger der kleinen Stadt nicht, denn sie kannten es nicht anders und waren in ihrem Unwissen von Glück beseelt.
Das Mädchen und ihre Schwester spielten oft am Ufer der Flüsse. Sie sahen den Fischern dabei zu, wie sie ihre aus Holz geflochtenen Körbe in die reißenden Wasserfluten stellten und springende Forellen fingen, wie die Frauen die Kleider der gefallenen Soldaten im Wasser wuschen und die Alten auf ihren Steinen saßen und Pfeifen rauchten.
Der Wind zeigte dem Mädchen die Richtung, in die es sehen sollte, und spielte ihm ein Lied. Hör mich flüstern, kleine Maid, gib dich mir und sei befreit.
Und der Fluss gurgelte und sprudelte seinen Rhythmus in das Windlied hinein. Hör mich plätschern, kleine Maid, trink von mir und sei befreit.
Das Mädchen lauschte dem Wind und dem Fluss, und sie ward verzaubert und von Andersartigkeit geprägt, dass es die restlichen Bewohner der Stadt gegen sie aufstachelte.
»Sieh dir das Mädchen an, guckt andauernd in die Luft und summt vor sich hin. Sie muss zurückgeblieben sein, dieses arme Kind.« Und sie behandelten sie anders, verstummten in ihrer Anwesenheit und ließen sie nicht ausreden, sondern wollten über sie bestimmen. Sie entschieden, dass das Mädchen nicht gut für ihre kleine Schwester sei und hielten sie fortan von ihr fern.
Dem Mädchen blieben nur der Wind und der Fluss, und so verlor sie sich in ihren Stimmen. Eines Abends säuselten die beiden ihr Lied besonders laut, der Fluss gurgelte und trat über die Ufer, während der Wind den Wald aufpeitschte. Und das Mädchen stand am Ufer und ihre Füße wurden langsam vom Wasser umspült.
Hör mich reißen, holde Maid, trink von mir und sei befreit. Und das Mädchen zitterte in ihren dünnen, abgetragenen Kleidern und blickte zum Dorf zurück.
»Was kostet mich die Freiheit?«, fragte sie, denn sie war nicht dumm und wusste sehr wohl, dass es selten etwas Gutes verhieß, Stimmen zu hören.
Tausend Leben will ich dir geben, nur wandeln kannst du nicht auf alten Wegen. Bist du mein, bist du’s für immer. Bist frei und wild vom Himmel’s Schimmer. Komm und ich trag‘ dich über den Fluss, doch kennen wirst du nimmer eines Menschen Kuss.
Frei sollst du sein und frei sollst du bleiben, mit tierischem Blick und langen Beinen. Ich gebe dir, wonach dein Herz begehrt, doch hör mir zu und sei belehrt: Diese Wahl triffst du für’s Leben, einmal drin, wird dir nichts mehr vergeben. So wähle gut und wähle weise, ich warte bis zum übernächsten Morgenleise.
Nachdenklich machte sich das Mädchen wieder auf den Weg zu ihrem Nachtlager, doch sie schaffte es nicht, ein Auge zuzutun. Stattdessen lag sie wach und dachte nach, während ihr Herz wie wild die Nacht beklopfte.
Der darauffolgende Tag begann langsam und setzte sich schleppend fort. Sie wollte den Fischern beim Fischen helfen, wurde jedoch wieder fortgeschickt. Sie ging zu den Feldern und wollte ihnen helfen, doch sie lachten sie aus. Schließlich ging sie zur Schule und wollte ihre Schwester sehen, doch diese wich ihrem Blick aus und wusste nichts zu ihrer verrückten Schwester zu sagen. Also ging das Mädchen nach Hause und richtete ihr Lager, starrte in die Luft und lauschte der fernen Sehnsucht des Windes.
Die Nacht brach herein und das Mädchen konnte nicht schlafen, also lief es hinunter zum Fluss.
»Ich will nicht bleiben, aber ich fürchte mich, zu gehen«, gestand sie dem gurgelnden Fluss und gestand sich somit zum ersten Mal ein, nicht zufrieden mit dem zu sein, was in ihrem Leben geschah. Sie hatte das Gefühl, nichts mehr kontrollieren zu können und dass ihr nach und nach ihr eigener Faden aus den Händen glitt. Der Fluss tat etwas, das er noch nie in ihrem ganzen Leben getan hatte: er schwieg.
So setzte sich das Mädchen ans Ufer und fror zu ihren eigenen Gedanken bis zum Morgengrauen.
Noch bevor der erste Hahn schrie, blickte sie sehnsüchtig zu den Häusern der Stadt zurück, in denen die ganz normalen Bürgern in ihren ganz normalen Betten lagen und vor sich hin schnarchten.
Es tat ihr leid, ihre Schwester allein zu lassen, aber sie glaubte, dass sie zuerst von ihr verlassen worden war.
»Vielleicht passe ich nicht hier hin«, murmelte das Mädchen vor sich hin und erhob sich vom feuchten Gras, um näher ans Ufer zu treten.
»Ich bin hier und ich habe eine Entscheidung getroffen!« Sie erhob ihre Stimme ein wenig und lauschte dem Fluss, der sich langsam zu regen und auszudehnen begann.
Trink von mir, holde Maid, und deine Entscheidung wird Wirklichkeit.
So kniete sie sich nieder und schöpfte mit hohlen Händen Wasser aus dem Fluss, um von ihm zu trinken. Sobald das kühle Nass ihre Lippen benetzte, ging ein Schaudern durch den kleinen Kindskörper. Ihre Grenzen weiteten sich aus, ihr Gesicht wurde zu einer dunklen Schnauze, die Augen groß, die Ohren zogen sich zu langen Lauschern lang und ihre Arme und Beine verwandelten sich in lange Staksen mit verhornten Läufen.
Sieh genau hin, holde Maid, ich habe dich vom Joch befreit. Der Fluss lachte, sanft, tief und glucksend und wurde ganz still. In der beruhigten Oberfläche konnte das Mädchen ihr eigenes Spiegelbild sehen und erkannte, dass sie ein Reh war. Vor Schreck wollte sie zurückweichen, rutschte aus und landete mit dem drahtigen, neuen Tierkörper im Wasser.
Der Fluss begann zu fließen und trug sie klammheimlich fort. Fort von der Stadt mit den normalen Bürgern in ihren normalen Häusern, die ganz normal aufstanden und ihren Arbeitstag begannen.
Das Mädchen aber, das zum Reh geworden war, trieb mit dem Fluss, bis er sie weit entfernt an dem gegenüberliegenden Ufer absetzte und sie sich sanft aus seinen Fluten befreien ließ.
Das Mädchen wollte etwas sagen, aber ihr Mund war nicht für Worte gemacht. Sie spürte, wie sie das verlor, was sie zu einem Menschen gemacht hatte. Ihre Ohren zuckten unruhig. Und der Fluss, er säuselte.
Sich dich um und sei gewiss, für dein Glück gibt es keine Frist. Für immer darfst du lauschen meinem Lied, denn schließlich hast du mich bekniet. Ich habe dich befreit, mein Kind, nun lauf und werd‘ zum Reh geschwind. Keine Sehnsucht soll dein Leben trüben, nach deinem alten Leben dort drüben.
Einen Moment lang verharrte das Reh am Ufer und sah zurück zur entfernten Stadt, in der sich das morgendliche Leben regte. Und es fuhr ein Stich durch ihr Herz, doch sie konnte schon nicht mehr sagen, woher der Schmerz kam.

Stattdessen drehte sie sich um und verschwand geschwind im Unterholz, wie der Fluss es ihr ans Herz gelegt hatte. Und fortan war sie nicht länger ein Mensch und keine Sorgen quälten sie lange.

(Ausschnitt aus 'Rehruf' (c) www.oldsouls.de)

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