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-515- "Du bist krank und musst genesen, mein Junge." [Séance Leseprobe]


Nachdem sie den Sessel für Master Cyn hergerichtet hat, verlässt Salomé den Raum. Wenig später erklingen die energischen Schritte von Alexejs Meisterin. Sie betritt das abgedunkelte Schlafzimmer und schließt die Tür hinter sich. Ihr Körper ist in ein strahlend weißes Kleid gehüllt, mit Trompetenärmeln und einem Kragen aus feinster Spitze. Sie sieht aus wie ein Engel, doch ihre Augen sind Dolche, die Alexej augenblicklich Kopfschmerzen bereitet.
Sie lässt sich auf dem Ohrensessel nieder und schlägt die Beine übereinander. Der Geruch von Flieder kitzelt in Alexejs Nase.
»Ich sehe, es geht dir noch immer nicht besser«, beginnt sie und faltet die Hände auf ihrem Knie. »Das ist wirklich bedauerlich.«
Er spürt, wie die angenehme Kühle von Salomés Magie nachlässt, als würde sie aus ihm hinausgezogen werden. Seine Gelenke pochen und stechen wieder und sein Kopf sinkt schwer ins Kissen. Er wünscht sich, jemand würde ihm sein Bewusstsein nehmen, oder ihn gleich ersticken.
»Ich habe ein paar Fragen an dich, Alexej. Und ich möchte, dass du mir ehrlich antwortest, ist das klar?«
Er nickt schwerfällig.
»Laut Salomé hast du dich in der Brücke herumgetrieben. Was genau hast du dort gesucht?«
»Nichts Bestimmtes«, weicht er aus und versucht, ihrem Blick standzuhalten. Dabei ist ihm jedoch nicht nur der Schmerz in seinem Nacken im Weg, sondern auch ihr eindringlicher Ausdruck, der ihr Gesicht wie eine Schlange verschleiert. »Ich war sehr lange nicht mehr in DresdenX und wollte mich einfach etwas umsehen«, lügt Alexej. »Die Stadt hat sich nicht groß verändert.«
»Ist das ein Hobby von dir? Sich in den Betasektoren herumtreiben?«
»Keine Ahnung. Ich war lediglich neugierig.«
»Neugierig, hm?« Master Cyn betrachtet ihn aus schmalen Augen, bevor sie gemächlich eine schmale Dose mit Samtbezug aus ihrer Weste zieht. Sie ist sich seines Blickes bewusst, als sie eine dünne, lange Zigarette hervorzieht und die Spitze zwischen ihre Lippen legt, um sie sich anzuzünden. Sanft kräuselt sich der Rauch in der Luft und ihre Lippen teilen sich. »Dort draußen gibt es doch nichts Interessantes zu sehen.«
»Ansichtssache«, meint Alexej und versucht ein Husten zu unterdrücken, als der Rauch in seine Nase dringt. Wie kalter Dreck scheint er sich auf seine Lunge zu legen.
»Lügst du mich an?« Ihre Stimme ist kalt und schneidet durch Alexej hindurch wie durch ein Stück Butter.
Er hält es für besser, nichts mehr zu sagen.
Master Cyns Schlangenaugen ruhen auf ihm und bemerken jedes Zittern, also bleibt er still liegen und bewirkt damit, dass sich seine Meisterin von ihrem Sessel erhebt, um sich stattdessen auf seiner Bettkante niederzulassen. Jetzt schwebt die Zigarette dicht über seiner Nase. Alexej bricht der Schweiß aus.
»Ich mag keine Lügner«, raunt sie. Ihr bewegungsloses Gesicht hängt leuchtend wie der Mond über ihm. Asche fällt von der Spitze der Zigarette und fällt auf seine Wange. Zischend atmet er ein, als die Glut ihn verbrennt. Aber er sagt trotzdem kein Wort. »Ich könnte die Wahrheit aus dir herauspressen wie den Saft aus einer Zitrone«, murmelt Master Cyn und ihre Finger streichen über seine Kehle. »Und du würdest um Gnade betteln. Danach würdest du nicht länger lügen, oh nein.«
Alexej kann ihre Magie spüren, wie sie ihn verschlingt. Schwarze Materie tanzt vor seinen Augen. Master Cyn verschwimmt. Seine Lippen laufen schwarz an, sein ganzer Körper bebt und die Meisterin sitzt neben ihm und betrachtet ihn interessiert, während ihre Magie ihn erforscht, jeden Zentimeter seines Körpers einnimmt. Trotzdem kann sie seinen Geist nicht erreichen. Nicht nur ist es verboten, in den Kopf eines anderen Magos einzudringen, sondern auch beinahe unmöglich. Dieses Recht ist lediglich der Präsidentin vorbehalten — und selbst diese muss dazu von ihren Fähigkeiten her erstmal in der Lage sein.
Master Cyn ist es nicht. Aber Alexejs Körper, den steckt sie in Brand, bringt ihn bis zur Atemnot. Erst, als Schritte auf dem Flur erklingen, lässt sie von ihm und ihre bleichen Finger hinterlassen Aschespuren auf seiner Haut. Heftig atmend windet sich Alexej und hustet sich beinahe die Seele aus dem Leib. Bis der Geschmack von Blut bitter seine Zunge umhüllt.
Als wäre nichts passiert, lässt sich Cyn wieder auf ihrem Sessel nieder.
»Du wirst hierbleiben, Alexej. Bis du mir die Wahrheit sagst.«
Ihm schießt durch den Kopf, dass sie das nicht darf.
»Deine Wunden werden sowieso nicht so schnell heilen«, meint Master Cyn und Alexej weiß, dass dies keine Feststellung ist, sondern ein Versprechen.
»Was ist mit den anderen Gamma? Ich sollte von ihnen unterrichtet werden.«
»Keine Sorge. Sie wissen Bescheid.« Und als wäre das nicht ausreichend, fügt sie mit einem flötenden Ton in der Stimme hinzu: »Du bist krank und musst genesen, mein Junge. Sie wünschen dir nur das Beste.«
Mit diesen Worten erhebt sie sich und verlässt sein Zimmer erhobenen Hauptes. Zusammen mit ihrer dunklen, giftigen Präsenz entschwindet auch Alexejs Bewusstsein dem Raum.

(c) Text: Séance [Die erste Synergie] von Julia Mayer

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