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-572- Sagt Hallo zu: Luna [#SieSagen-Leseprobe]


»Schmeckt’s?«
Luna sah auf. Es klingelte das erste Mal, die Schüler strömten, in ihre Grüppchen verteilt, vom Schulhof in das Gebäude, um beim zweiten Klingeln in den Unterrichtsräumen zu sitzen. Luna war eine der Wenigen, die sich nicht rührte. Die Wand in ihrem Rücken schützte sie nicht vor den Blicken, hielt sie jedoch aufrecht, während ihr die Zigarette zwischen den Fingern ein Alibi lieferte, um sich noch nicht unter die Schülermassen begeben zu müssen.
»Ganz fantastisch, danke der Nachfrage«, antwortete sie trocken und betrachtete den Typen, der vor ihr stand. Fettige, dunkle Haare waren das Erste, was ihr ins Auge fiel. Dann die kantige Gesichtsform, die hohen Wangenknochen. Ein aristokratisches Kinn und schmale Lippen, die schief verzogen waren. »Was willst du?« Er machte keinerlei Anstalten, sich wegzubewegen, sondern stand einfach nur mit neugierigen Augen vor ihr. Eigentlich ganz gut, denn so schirmte er sie von den Blicken der anderen ab. Nicht dass sie die Gaffer nicht schon gewöhnt wäre, aber an ihrem ersten Tag zurück in der Schule gleich beim Rauchen erwischt zu werden, wäre vermutlich nicht so schlau.
»Du bist doch Luna.« Es war nicht einmal eine Frage, eher eine halbe Feststellung. Luna regte sich nicht, blinzelte nur zu ihm auf. Sonnenstrahlen leckten über seine Schultern und ließen ihre Augen, sobald er sich auch nur einen Millimeter bewegte, tränen. »Gehst du jetzt hier zur Schule?«, fragte er weiter. Ihre Stille schien ihn nicht im Geringsten nervös zu machen, stattdessen schob er entspannt seine Hände in seine Jackentaschen und betrachtete die türkisen Strähnen, die sich fast bis zu Lunas Schultern kräuselten.
»Nein, ich stehe einfach gerne hier rum und glotze Schüler an. Da geht mir einer bei ab.«
»O-okay«, er lächelte leicht. »Ich hab mich nur gewundert. Aber gut. Dann … einen schönen ersten Tag.« Der Junge machte Anstalten, sich fortzubewegen, aber Luna hielt ihn mit der rechten Hand, die zu seinem Kragen schnellte, davon ab.
»Warte noch ‘ne Sekunde«, meinte sie und deutete mit einem Nicken zu Herrn Groß. Der Mathelehrer schlenderte unweit von ihnen zu einer Schülergruppe, die noch nicht dem Klingeln gefolgt waren und schwer beschäftigt mit dem Austauschen karierter, dicht beschriebener Seiten waren. Vermutlich handelte es sich dabei um ihre Hausaufgaben. Luna nutzte den Dunkelhaarigen mit den funkelnden Augen als Schutzschild, um ein letztes Mal an ihrer Zigarette zu ziehen, den Stummel auf den Boden zu werfen und die übrige Glut mit ihrer Schuhspitze zu ersticken. »So, jetzt.«
Die Augen des anderen blitzten auf.
»Wieder eine Schandtat begangen, ohne erwischt worden zu sein, was?«, meinte er.
»Halt die Klappe.« Sie drückte ihn beiseite, wobei sie geflissentlich seine Schulter rammte, schwang sich ihre Schultasche auf den Rücken und eilte in Richtung Schultür.

// Ausschnitt aus: "Sie sagen, Van Gogh hat gelbe Farbe gefressen" (c) Julia Mayer / www.oldsouls.de

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Julia Mayer
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1 SEKTSCHALE(N) MIT HIMBEEREN:

  1. Schöner Auszug! Ich bin gespannt, was es mit den Blicken auf sich hat und wie Luna sich weiter präsentiert.

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