22.03.17

-575- Esther



Je schlechter sie sich fühlte, desto mehr klammerte sich Esther an ihre Klamotten. Sie hob ihre eigene Laune, indem sie ein zitronenschalenfarbenes Kleid anzog, eine blass gepunktete Strumpfhose und einen Choker, der ihr das Gefühl von Stabilität vermittelte. Sie wandelte auf erhöhten Absätzen mit bunten Schuhriemchen durch die Welt, kehrte ihr inneres Schwanken nach außen. Sie krallte sich an ihre himmelblaue Handtasche, die kaum größer als zwei Spannen ihrer Hände war und auf der wattige Wolken abgebildet waren. Sie hängte sich Miniaturlimetten ins Ohr und flocht ihr Haar. Sie baute auf sich selbst auf, auf dem, was sie kontrollieren konnte, und zeigte der Welt eine Esther, die alle Fäden in der Hand hielt — selbst wenn sie sich in Wahrheit fühlte, als würde sie auf einem Mammut das Reiten lernen. In ihrem Kleiderschrank konnte man nicht eine einzige Jeanshose finden. Nur Kleider über Kleider in den unterschiedlichsten Formen und Farben — doch das Gelb herrschte über sie alle. In den tiefsten Winkeln bewahrte Esther eidotterfarbene Röcke auf, gelb-rot gepunktete Strumpfhosen, sonnengeküsste Jäckchen. Wenn ihr Zimmer zu groß wurde, die Welt zu weit um sie zu fassen, setzte sie sich in ihren Schrank und rollte sich zusammen. Oder sie zog ein Kleid nach dem anderen an, legte sich mit ihnen auf das gemachte Bett und stellte sich vor, sie läge auf dem Totenbett. Mit einem schmalen Silberring an der Hand, Sonnenblumen-Ohrringen, geschnürten Lackschuhen und rapsfarbenen Kniestrümpfen. Sie fragte sich, ob sie glücklich wäre, wenn sie nicht mehr das Bedürfnis hätte, Luft in ihre Lungen zu pressen. Und danach weinte sie und lachte sich innerlich aus, bevor sie sich aus ihrem Zimmer schlich und sich unten im Musikzimmer ans Klavier setzte.

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