20.04.17

-578- Nachtpanik



Zwei Jahre. Ich hatte zwei Jahre lang keine nennenswerte Nachtpanik mehr. Zwei Jahre, über die hinweg ich vergessen habe, wie schnell es vom Hoch ins Tief gehen kann und dass sich diese Schwankungen nicht einmal an einem Punkt festmachen lassen. Nachtpanik und Existenzängste sind nicht wie eine Erkältung; die Symptome kommen schleichend, sie verbergen sich vor den Blicken, oft genug tarnen sie sich als lächerliche Nebengedanken, die zu Beginn nur kleine Anomalien sind, denen man keinerlei Beachtung schenken muss. Dabei irren diese Gedanken eine Weile umher, bis sie nährenden Boden gefunden haben und sich ablagern wie Kaffeeränder. Ohne dass ich überhaupt bemerkt habe, wie es dazu gekommen ist, kann ich plötzlich nicht mehr einschlafen. Ich bin müde und erschöpft, aber mein Kopf mag nicht mit dem Drehen aufhören; alles besteht aus Kreisläufen, die immer und immer wieder durchlaufen werden müssen. Plötzlich kann ich nicht mehr atmen; meine Träume führen nirgendwo mehr hin. Ich mag diesem Gefühl am Tage keinen Raum geben. Ich bin nicht demotiviert, ich bin nicht am Ende. Ich arbeite weiter, ich beiße mich durch, denn ich kenne es doch schon. Dieser Angst habe ich schon vor langer Zeit einen Namen gegeben und sie mit mir vertraut gemacht — und doch ist es nicht, als würde ich einen alten Vertrauten bei mir willkommen heißen. Ich sehe die Angst nicht und denke: »Ach, du bist’s«, ich lade sie nicht mit einem Lächeln ein und ich biete ihr schon gar keinen Tee an. Eher bin ich wie paralysiert. Des Nachts starre ich ihr in die Augen und kann den Blick nicht abwenden. Tagsüber wird sie wie ein Möbelstück, das ich hin- und herrücke und mit dem ich doch nichts anzufangen weiß. Manchmal gehe ich des Tags einfach aus dem Haus und lass die Angst allein; fast kann ich mir einbilden, sie existiere gar nicht. Aber sie wartet immer auf meine Heimkehr und sobald es still ist, sobald ich die Augen schließe, stoße ich meine Zehen an ihr. Bei jedem Atemzug bewegt sie sich mit; ich fülle meine Lunge mit Sauerstoff und sie tut es mir gleich. Der einzige Unterschied zwischen uns beiden ist, dass ich weine und sie lacht, dass ich den Ernst spüre aber sie nur einen Witz in allem sieht. Sie lacht und mir bleibt die Welt in der Kehle stecken.

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